Nach dem großen Fressen: Die Zukunft der Ernährung

IWE-Mitglied und Dokumentarfilmer Valentin Thurn im Interview

Thurns Film 10 Milliarden – Wie werden wir satt? wurde 2015 mit dem Deutschen Naturfilmpreis ausgezeichnet. Die Grazer Kleine Zeitung befragt Valentin Thurn zur Zukunft der Ernährung. Ein Auszug aus dem Interview:

 

Kleine Zeitung: Ist Regionalität die Lösung für den Welthunger?
THURN: Es gibt nicht eine einzige Lösung, aber ein Konzept, das die echten Lösungen vereint – es heißt  Ernährungssouveränität. Wir müssen die Grundversorgung in den Regionen halten, wo die Menschen leben. Unsere Basisgetreidesorten, Gemüse, Kartoffeln sollten nicht aus aller Welt importiert werden müssen. Ananas und anderen Luxus kann man gerne handeln, aber in dem Moment, wo wir uns bei der Grundversorgung auf den Welthandel verlassen, sind Spekulationspreisschübe verheerend. 

 

Kleine Zeitung: Haben Sie ein Beispiel dafür?
THURN: In Ländern wie Kamerun setzt sich der Brötchenpreis hauptsächlich aus Rohstoffen zusammen.
Wenn er an den Börsen in Chicago oder London verdreifacht wird, kostet das Brot nicht nur bei uns mehr, sondern auch in Kamerun. Dort gibt der Durchschnittsbürger aber zwei Drittel seines Geldes für Essen aus – kann das Brot nicht mehr zahlen und wird weniger essen. Wenn die Grundversorgung aus dem eigenen Land stammt, kann die Verwundbarkeit verringert werden.

 

Kleine Zeitung: Mehr Menschen brauchen mehr Platz – die  landwirtschaftliche Fläche verringert sich –, wie geht sich die Rechnung aus?
THURN: Die Großstädte wachsen mitten in den  fruchtbarsten Gebieten, das ist eine Konkurrenz für jede Form von Landwirt-schaft. Wir sprechen von Urban Gardening, weil es schick ist, in Ländern der 3. Welt ist das lebensnotwendig. Wenn wir außerdem Großfarmen fördern, indem wir Billiges im Supermarkt kaufen, drehen wir indirekt am Ablaufdatum der Kleinbauern. Denn Rinder brauchen Soja/Getreide, und das kommt von großen Flächen, die die Kleinen verdrängen. Der Klimawandel ist der dritte Punkt – 40 Prozent der Treibhausgase stammen aus dem Bereich Ernährung.

 

Kleine Zeitung: Was kann der Einzelne tun – auf der Stelle auf Fleisch verzichten?
THURN: Österreich ist im Vergleich zu Deutschland auf einem guten Weg. Schützt die Kleinbauern, die ihr noch habt, weil die EU-Politik, der Markt, dafür konstruiert ist, dass die Kleinen verschwinden. Die einzige Möglichkeit ist die Direktvermarktung – wenn man über den Handel geht, bleibt die Hälfte des Preises da hängen.

 

Kleine Zeitung: Wenn ich billiges Fleisch kaufe . . .
THURN: Dann zahlt das die Allgemeinheit. Ein Hühnchen um 2,99 Euro verursacht einen Schaden im Grundwasser und am Klima. Das ist an der industriellen Landwirtschaft falsch – es ist nicht billig, es erscheint nur so.

 

 

IWE Berlin, 05.01.2016

 

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