Streuobst- und Foodsharing

 

Wer nicht graben, aber trotzdem ernten will, der kann seine Ernte über das Internet vorbereiten. Neben den handfesten und bodennahen Beispielen entwickelt sich im Netz ein neuer Zweig der regionalen Versorgung. Foodsharing heißt das Prinzip. Überall, wo sich Überschüsse in der Nahrungskette sammeln, ist ihr Aktionsfeld.

Ob dies das Obst von Streuobstalleen in Süd- oder Ostdeutschland ist, die in der Erntezeit nach Abnehmern suchen, oder die Kiste Salat, die auf dem Wochenmarkt in Kiel verkommt, wenn es keinen Abnehmer gibt, per Foodsharing finden sie ihre Kundschaft und bietet sich die Chance für neue Kontakte unter Gleichgesinnten.

Mittlerweile gibt es zwei Plattformen im Internet, über die der Austausch läuft. Die eine entstand während einer Paddeltour auf der Unstrut in Sachsen-Anhalt im Jahr 2009. Die Paddler Katharina Frosch und Kai Gildhorn erlebten Unerwartetes. Sie waren gut ausgerüstet mit Obst aus dem Supermarkt und plötzlich wuchs ihnen das heimische Obst sozusagen ins Boot hinein.[i] Herrenlose Mirabellen- und Zwetschgenbäume mit tief hängenden, überladenen Zweigen warteten dringend auf einen Ernteeinsatz. Da es offensichtlich keinen Willigen in der Nähe gab, beschlossen sie, den Überfluss der Natur auf einer Internetseite sichtbar zu machen. Seit 2009 ist www.mundraub.org im Netz und geht mittlerweile weit über die deutschen Grenzen hinaus. Auch in der Schweiz werden Mundraub-Touren angeboten. 2013 wurde darüber der sich abzeichnende Birnenberg abgetragen, weil die Lager der Mostereien von der Vorjahresernte noch übervoll waren.

Mundraub versteht sich als eine Art WWW-Allmende, wo die allgemeinen Güter der Natur allen wieder zur Verfügung gestellt werden. Das Interesse überrollte die Macher, schon im Juli 2010 klickten mehr als 18.000 Interessenten die Seite an. Kai Gildhorn erfüllt mit seiner Aktion eine Art familiären Auftrag. In seiner Heimat Vorpommern gehörten Apfelbaumalleen zum Landschaftsbild. Früher in seiner Kindheit wurden die Äpfel von seinem Vater und den Leuten im Dorf geerntet, um sie anschließend in einer Mosterei in Saft zu verwandeln, den es in jener Zeit kaum zu kaufen gab.

Den kulturellen und sozialen Wert der Apfelbäume hat er schon früh verstanden. Ihm ist es wichtig, dass dieser Wert auch erhalten bleibt. Ohne Pflege der Bäume wäre es mit dem Ernten bald vorbei. Aus diesem Grund gehören Pfleger als Baumpaten mit zum Konzept. Darum kümmert sich seit 2011 Magda Zahn, genannt die „Rote Sternrenette“. Sie ist Mitherausgeberin des ersten deutschen Mundraub-Handbuches. Darin beschrieben ist auch der 200 Kilometer lange Radfernweg Hase-Ems-Tour zwischen Melle und Meppen. Vor Jahren wurden hier tausende Obstbäume für Anwohner und Touristen gepflanzt, die zu verwildern drohten. Mit www.mundraub.org haben die Bürger des Hasetals einen Plan entwickelt, wie die Bäume nicht nur nachhaltig beerntet, sondern auch durch Baumpaten gepflegt werden können.[ii]

www.food-sharing.de

Eine andere Form von Ernte über das Netz bietet die Plattform www.food-sharing.de. Sie erreicht vor allem das mobile und jugendliche Publikum in den Städten. Ins Leben gerufen wurde sie vom Filmemacher Valentin Thurn. Auf seinen Recherchen zu seinem viel beachteten Film „Taste the Waste“ hatte er entdeckt, dass es überall in unserer Nahrungskette Überfluss gibt, der dort nicht abgerufen wird und vergammelt. Allein in deutschen Haushalten werden pro Jahr Lebensmittel im Wert von 22 Milliarden Euro weggeworfen, auch in Handel und Verarbeitung steht die Mülltonne häufig direkt neben den Regalen und Fließbändern. Wenn man diese versteckten Berge eines bis dahin unbekannten Schlaraffenlandes im Netz bekannt machen würde, dann würden sich sicher andere finden, mit denen sich der Überschuss teilen ließe, hoffte Valentin Thurn. Und er sollte Recht behalten. Bis Oktober 2013 fragten mehr als 27.000 Besucher an, ob es jemanden gebe, der mit ihnen teilen wollte.[iii] In der Angebotsliste finden wir:

5 Stück Brote, Brötchen von gestern

5 kg Obst, Gemüse

1 Stück Schweineschmalz

335 g Mehrkorn-Toastbrötchen-Packung

4 Stück APPEL Heringsfilets in Tomatencreme, 1 Stück APPEL Makrele in Tomatencreme,

1 Stück HAWESTA Heringsfilets Tomatencreme, ...

 

Einer der größeren Verschwender ist Thorsten Kern, der im Hauptberuf Brote fotografiert, die anschließend weggeworfen wurden. Aber das ist Vergangenheit, nun gibt er bei www.food-sharing.de ein, was er übrig hat.[iv] Insgesamt wurden bis Oktober 2013 mehr als 21.000 Kilogramm Lebensmittel gerettet. Mehr als 220 Städte haben sich der Aktion angeschlossen. Noch ist der Ausbau nicht abgeschlossen und die Frage offen, ob es eine Volksbewegung werden könnte. Zumindest hip soll es sein. Mit einer App über das Handy überall anzuklicken. Wer sein Abendbrot gefunden hat, kann sich ausrechnen lassen, wie weit er radeln muss, um es sich abzuholen oder um gemeinsam mit den Spendern die Reste zu vertilgen. Partytime vor der Mülltonne, vom Abfall zum Partysnack, ein gesellschaftlicher Wertewandel per Mausklick. Foodsharing als Kult? Das wär’s doch.

Ernährung als soziales Erlebnis, vielleicht nicht ganz so hip, aber familientauglich, das ist der Buschberger Hofe. Ein Konzept der Selbstversorgung, das am Acker ansetzt und für ganze Gemeinschaften taugt.

 

[i] Christa Müller: Urban Gardening. Grüne Signaturen neuer urbaner Zivilisation. Urban Gardening – Über die Rückkehr der Gärten in die Stadt, München 2011.

[ii] http://www.mundraub.org/hasetal.

[iii] http://foodsharing.de/.

[iv] ARD Mediathek: „Geben Nehmen Teilen“: Internetportal gegen Lebensmittelverschwendung.

Spendenkonto

Institut für Welternährung e.V.

GLS Bank

IBAN: DE54 4306 0967 1138 5065 00 | BIC: GENODEM1GLS

 

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