Gemeinschaftsgarten „O’pflanzt is“

Ähnlich, doch nicht gleich, ist das Konzept des Münchner Gemeinschaftsgartens „O’pflanzt is“. Er liegt dort, wo eigentlich das Pressezentrum für die Olympiade 2018 entstehen sollte, auf einer 3.000 Quadratmeter großen Fläche an der Schwere-Reiter-Straße in München-Neuhausen. Aber mangels Olympiade in Bayern fällt das Bauen aus, stattdessen erhielten Gemeinschaftsgärtner hier eine Chance.

Auch hier gärtnern sie in Hochbeeten, weil im Untergrund noch Explosives aus dem Weltkrieg vermutet wird. Aber im Gegensatz zu Köln pflanzen und jäten hier alle gemeinsam. In dieser Gartengemeinschaft kann jeder mitmachen, aber keiner für sich. Alles gehört allen gemeinsam. Raffzähne finden hier keinen Boden. Private Aneignung und Bereicherung finden nicht statt.

Armut bestimmt das Bild: alte Reifen, Paletten, ausgediente Bretter, Fässer und Säcke. Was hier verbaut wird, ist „Abfall“. Hier bekommt er ein zweites Leben eingehaucht. Recycling, Upcycling und Re-Use, wieder in Wert gesetzt, ist das Thema und lockt Menschen von der Straße an. Migranten, die ähnliche Bilder aus ihrer Heimat kennen. Kartoffeln in Reifenkarkassen, Gemüse in Reissäcken bilden Brücken zu den Ländern des Südens, wo die Gärten ähnliche Gestalt besitzen. Die Sozialforscherin Christa Müller nennt dies „Bespielung des öffentlichen Raumes“, die neue Nachbarschaften und neue Erfahrungen ermöglicht. Aus der sterilen Einsamkeit der Fernsehsessel wächst bei immer mehr Menschen die Sehnsucht nach Gemeinschaft, nach Sinnlichkeit, nach „Hände in den Dreck stecken“. Darin sieht sie die Motive, die viele der Gemeinschaftsgärtner in die neuen Gärten ziehen.[ii]

An warmen Sommerabenden kommen die überhitzten Manager aus den IT-Firmen der Umgebung. Sie wollen mal eben zur Hacke greifen, um ihre Kräfte zu spüren, sagt Rozika Farkas. Sie gehört zu den Gründerinnen und berät die Neuankömmlinge. Diese müssen nichts mitbringen außer gutem Willen. Schaufeln, Eimer, Gießkannen stellt die Gartengemeinschaft. Dafür verlangt sie allerdings auch, dass ihre Regeln eingehalten werden. Nur wer arbeitet, darf auch ernten.

Beschlüsse fallen nur gemeinsam. Das dauert. Für eine Komposttoilette, die ohne Wasser funktioniert, konnte sich die Gartengemeinschaft erst nach Wochen heißer Debatten entscheiden. Das Nein zum Rauchen am Beet brauchte ebenso seine Zeit, genauso wie das Grillverbot. In dieser vegetarischen Umgebung hat es der Fleischfreund schwer. Die einzige Konzession, die die Gemeinschaft an die bayrische Seele macht, ist die: Man darf sein „Pflanzerl“, was eine bayrische Bulette ist, mitbringen, aber essen darf man seinen Klops nur allein. Für die, die sich ihr täglich Brot nicht kaufen können, bringt ein Biosupermarkt am Abend die nicht verkauften Brote vorbei. So wird der Gemeinschaftsgarten zu einem Ort der stillen Umverteilung.

 

 


[i] http://www.o-pflanzt-is.de/.

[ii] Christa Müller: Über das interkulturelle Potenzial von Gemeinschaftsgärten. Linz, Vortrag am 20.01.2013.

 

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