Nordamerikas Food Movement

 

Von Marianne Landzettel

 

Der Blick auf die Landwirtschaft in den USA ist ein Blick in die Zukunft für den Rest der Welt. Fast Food und die Folgen sorgen inzwischen für Schlagzeilen – die wachsende Zahl der Menschen mit starkem Übergewicht, die deshalb an Diabetes oder anderen chronischen Krankheiten leiden, die Folgen für das Gesundheitssystem. Viel weniger bekannt hingegen sind die Ausmaße des Netzes der Kontrolle und Einflussnahme, das multinationale Lebensmittel-, Agrochemie- und Saatgutgiganten in den USA gewoben haben.

Eine Handvoll Agrochemiefirmen haben den (Welt-)Markt unter sich aufgeteilt, 20 Firmen produzieren fast alle Lebensmittel, die in den USA verkauft und verzehrt werden. Um Umsatz und Profite zu steigern, verlassen sie sich schon lange nicht mehr auf Werbung. In Washington finanzieren die Konzerne ein Heer von Lobbyisten. Ihre Aufgabe ist es, direkten Einfluss auf Politiker und die Gesetzgebung zu nehmen, sodass der Spielraum der Industrie so groß und die Zahl der einengenden Regeln und Kontrollen so klein wie möglich ist. Wie direkt die Industrie dabei vorgeht, hat man selten so deutlich gesehen wie 2003, als die Lebensmittelindustrie Wind davon bekam, dass Wissenschaftler in den WHO-Empfehlungen zu gesunder Ernährung einen Anteil von nicht mehr als 10 Prozent Zucker festlegten. In einem Brief an die damalige Chefin der WHO, Gro Harlem Brundtland, beschwerte sich die US-Zuckerindustrie und drohte, man werde in Washington für eine Gesetzesänderung sorgen, die zu einer Beendigung der US-Zahlungen an die WHO führen würde.[i] Der Brief kam zu spät, die Empfehlungen waren bereits öffentlich geworden.

Die Abhängigkeit amerikanischer Politiker von Wahlkampfspenden sorgt dafür, dass Kritiker der industriellen Landwirtschaft oder der Lebensmittelindustrie kaum Chancen haben, gewählt zu werden. Gleichzeitig ist es nicht ungewöhnlich, dass jemand aus einer führenden Position in der Industrie auf einen Posten in einer Behörde berufen oder zum Berater ernannt wird. Dadurch gelang es beispielsweise der Fleisch-Lobby, die Aufsichts- und Kontrollfunktion der Behörden sowohl in Bezug auf die gesundheitliche Unbedenklichkeit als auch auf die Sicherheit der Arbeiter (z.B. in Schlachthöfen) stark einzuschränken.[ii] Auch innerhalb der Industrie scheint das der eine oder andere inzwischen bedenklich zu finden. In einem Interview mit dem öffentlichen US-Rundfunk, NPR, erklärte der CEO von Monsanto, Hugh Grant, er kaufe Biolebensmittel.[iii]

In ihrem Buch „Foodopoly“ zeigt Autorin Wenonah Hauter, wie eng Agrochemie- und multinationale Konzerne untereinander vernetzt sind: Lebensmittelkonzerne, Fast-Food-Firmen, Ölindustrie, Supermarktketten, Fleischverarbeiter und Banken – alle sind mit allen über Aufsichtsräte und gelegentlich direkt über die Chefetagen miteinander verbunden. Mit solcher Macht und dem entsprechendem Geld kontrolliert der Agrar- und Lebensmittelsektor inzwischen die Forschung an den Universitäten. Wie das funktioniert, zeigt Wenonah Hauter z.B. für die Iowa State University: So sitzt der Agrarchemiegigant Monsanto nicht nur im Universitätsbeirat, sondern gehört auch zu den Geldgebern – zusammen mit den Kollegen von Dow, Syngenta, Bayer, dem Traktorenhersteller John Deere und Interessenverbänden für Rinder- bzw. Schweinezucht und Sojaanbau.[iv] Damit hat Forschung zu biologischem Landbau oder den möglichen Gefahren von genmanipuliertem (GM) Mais oder Soja weder an der Iowa State University noch anderweitig eine Chance, denn die Finanzierung anderer US-Universitäten ist genauso abhängig von der Industrie. Das hat Folgen, z.B. für Europa. Ohne breit angelegte wissenschaftliche Studien zu den Auswirkungen von genmanipulierten Saaten auf Umwelt und Gesundheit der Konsumenten ist es für die EU schwer, den Import nach Europa zu verbieten oder zumindest einzuschränken.

Auch in den USA bricht die Agrarlobby mit viel Geld jeden Widerstand gegen GM-Saatgut. Initiativen in mehreren Bundesstaaten haben versucht, eine Kennzeichnungspflicht für Lebensmittel mit gentechnisch manipulierten Ingredienzien durchzusetzen. 70 Prozent aller Lebensmittel enthalten GM-Bestanteile und laut Umfragen sind über 90 Prozent der Bevölkerung für eine entsprechende Kennzeichnung.[v] Am 5. November entschieden die Wähler in Washington State mit 54,8 Prozent gegen eine GM-Kennzeichnung, obwohl die Befürworter noch kurz vorher eine klare Mehrheit hatten. Mit der finanziellen Unterstützung von Monsanto und anderen gelang es den Gegnern, 22 Millionen Dollar für eine Anti-Kampagne aufzubringen, ein neuer Rekord.

Und wer glaubt, dass der wachsende Biosektor von einer Trendwende kündet, der sollte sich auf der Website des (unabhängigen) Cornucopia Institute ansehen, wer inzwischen welche Biofirmen aufgekauft hat: Nestlé, Mars, Kraft, Pepsi, Unilever ... sie alle sind über den Aufkauf der vergleichsweise kleinen Bioproduzenten in den Markt eingestiegen[vi] und haben in Washington dafür gesorgt, dass die Standards für ein Biolabel so weit gesenkt wurden, dass die meisten unabhängigen Biobauern inzwischen auf die Zertifizierung verzichten.

Übrig bleiben die unabhängigen Farmer, auf dem Land und in der Stadt, Graswurzelinitiativen, Bürgergruppen, Food Policy Councils und eine kleine Zahl unabhängiger Forschungsinstitute, die mit ihrer Arbeit und oft kleinen, aber gut durchdachten und effizienten Projekten Widerstand leisten und Aufklärungsarbeit betreiben. Und Detroit, ob der Automobilindustrie einst Symbol des Fortschritts, könnte wieder im Trend liegen: als Zentrum für urban agriculture, Landwirtschaft in der Stadt, Verarbeitung und Lebensmittelproduktion.

 

[i] http://www.theguardian.com/society/2003/apr/21/usnews.food.

[ii] Eric Schlosser: Fast Food Nation – What The All-American Meal is Doing to the World. London 2002.

[iii] http://www.marketplace.org/topics/world/interview-transcript-hugh-grant.

[iv] Wenonah Hauter: Foodopoly – The Battle Over the Future of Food and Farming in America. New York 2012, S. 59.

[v] http://www.economist.com/news/united-states/21588898-one-way-or-another-labelling-gm-food-may-be-coming-america-warning-labels-safe.

[vi] http://www.cornucopia.org/who-owns-organic/.

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