NeuLand Köln: „Teilen und gemeinsam bearbeiten, statt besitzen“

Dirk Kerstan

Um 1890 versorgte ein Bauer im Schnitt vier Menschen, heute produziert ein Landwirt Lebensmittel für etwa 130 Konsumenten. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein gab es eine städtische Nahrungs und Selbstversorgung mit Gemüse und Kleinvieh, die im Zuge des rasanten Wachstums der Städte verschwand. 

 

 

In vielen Städten entdecken Menschen wieder, welche Möglichkeiten es gibt, auch ohne eigenen Garten Gemüse anzubauen, Obst zu ernten und mit neuem Grün, Blumen und gemeinsamem Gärtnern die Stadt schöner und lebenswerter zu machen.


Die Urban-Gardening-Bewegung will Zeichen für eine Ernährungswende setzen, bei der regionale und saisonale Lebensmittel neue Wertschätzung erfahren und Menschen wieder erleben sowie lernen, wie und wo das wächst, was uns satt macht. Mitzuerleben ist das im „Kölner Neuland“-Gemeinschaftsgarten.


Bei kühlen 12 Grad und Nieselregen hat sich an diesem späten Maimorgen noch niemand zum Säen, Hacken oder Jäten auf dem Gelände des „Kölner Neuland“- Gartens zwischen Heinemann-Ufer und Koblenzer Straße eingefunden. Knapp 3 km vom Dom entfernt warten hier Kräuter, Tomaten, Zucchini, Möhren, Salat, Bohnen, Topinambur, Baumspinat, Erdbeeren, junge Apfelbäumchen und Beerensträucher in mehr als 400 gezimmerten Pflanzkisten auf Pflege, Wärme und Sonne zum Wachsen. Die ersten Radieschen, Spinat und Salate können bereits geerntet werden.


Eine ältere Anwohnerin aus dem benachbarten Veedel schlendert durch das Gewirr von Kisten, Pflanztöpfen, bepflanzten Reissäcken, von Weidentunnel, Gewächshaus, Bauwagen und Werkstatt-Containern. Sie freut sich an den leuchtend gelben Ringelblumen, die zur Bodenverbesserung überall wachsen. „Das gibt es nur hier. Vorher sah es auf dem Gelände ja öde aus und es war auch abgesperrt“, erklärt sie in schönstem Kölsch. Außerdem hätte sie gerne einen Rat und einen Eimer roter Tonerde für ihre Kübelpflanze, die auf dem Balkon vor sich hin kümmert.

 

Beides bekommt sie ohne große Umstände von Dirk Kerstan. Der sorgt seit 2012 als Gartenkoordinator dafür, dass die anfallenden Arbeiten in dem Gemeinschaftsgarten
gut abgestimmt und möglichst fachgerecht vonstatten gehen. Obwohl das gärtnerische Wissen weitgehend informell beim gemeinsamen Gießen oder Pflanzen weitergegeben wird, ist die Organisation der Arbeit gar nicht so einfach. Denn in dem basisdemokratisch organisierten urbanen Garten, in dem derzeit rund 150 Menschen unterschiedlicher Generationen, Kulturen und Berufs- und Bildungsschichten ihr Gärtnerglück versuchen, gibt es weder feste Arbeitszeiten noch „eigene“ Beete.

 

Denn im „Kölner Neuland“ soll das alte Allmende-Prinzip – „Teilen und gemeinsam bearbeiten, statt besitzen“ – wiederbelebt werden. Alle können mitmachen – aber keiner für sich allein. Was so ein urbaner Garten überhaupt leisten kann, das hat der 45-jährige gelernte Verlagskaufmann in seinem Praktikum in den Berliner Prinzessinnengärten erlebt. Dort befreiten Anwohner schon 2009 eine Brachfläche in Kreuzberg von Müll und verwandelten sie in einen urbanen Nutzgarten. Dirk Kerstan war und ist begeistert vom Konzept der urbanen Gärten, die es mittlerweile zum Beispiel auch in Wuppertal, Hamburg, Ludwigshafen und Bonn gibt.


Im „Kölner Neuland“ geht es nicht in erster Linie darum, dass Menschen sich in der Stadt in eine Gartenidylle zurückziehen können oder wieder Zugang zu städtischen Flächen haben, die lange unzugänglich und heruntergekommen waren. 

Säen und ernten in der Stadt

Umweltbildung, Naturschutz und bürgerliches Engagement sollen beim Gärtnern genauso wachsen, wie Erfahrungen mit nachhaltigem Wirtschaften und Gemeinschaftserleben über die Grenze von Generationen, sozialen Schichten und Kulturen hinweg.

 

„Wir können zeigen, dass es möglich ist, Lebensmittel in der Stadt anzubauen. Das ist sicher nicht genug für eine Selbstversorgung, aber wir können Menschen inspirieren“, hofft Dirk Kerstan. 

 

Gar nicht zu reden davon, dass das „Kölner Neuland“ sich zu einem Lernort erster Güte entwickelt hat. Kinder aus Offenen Ganztagsschulen oder Kitas erleben hier staunend, dass es Tomaten nicht das ganze Jahr über gibt und dass Kartoffeln nicht im Supermarkt wachsen.


Für Erwachsene gibt es Workshops, in denen Experten Vorträge zu Bodengesundheit, Stadtentwicklung und Welternährung halten oder ganz praktisches Wissen über Mulchen, Gießen, Obstbaumveredeln und Erhaltung alten Saatgutes weitergeben oder vom Vergessen bedrohte Kenntnisse über Zubereitung und Konservierung von Obst und Gemüse weitergeben. Beim Gärtnern, beim gemeinsamen Planen und beim Bauen von Kisten und Gewächshaus wächst auch das Miteinander, genau wie beim gemeinsamen Feiern von Frühlings- oder Erntefest.


Der Kölner Kistengarten bekommt Ableger. Klein sind sie, aber es gibt sie. Die Zahl der Städter steigt, die Garagendächer, Balkone oder winzige Vorgärten nutzt, um auf kleinstem Raum Salat, Tomaten oder Bohnen zu ziehen. „Jede Tomate, die auf dem Balkon angebaut wird, muss nicht aus Spanien hergekarrt oder aufwändig in holländischen High-Tech-Gewächshäusern gezogen werden“, weist Dirk Kerstan auf den Aspekt des nachhaltigen Wirtschaftens beim Gärtnern in der Stadt hin.

 

Dazu passt auch, dass im Kölner Neuland mit möglichst wenig neuem Material gegärtnert wird. So gibt es Anleitungen für Anzuchttöpfchen aus Toilettenpapierrollen oder einen Komposteimer aus alten Haushaltseimern. Und die Kisten selbst werden aus recycelten Euro-Paletten gebaut.


Genau wie in Berlin, ist auch der Kölner Neuland-Garten als Ganzes mobil. Das Gelände gehört nämlich dem Land NRW und der Verein besitzt lediglich ein vertraglich abgesichertes Zwischennutzungsrecht. Sobald es unabwendbare Pläne für eine Bebauung gibt, muss der Garten umziehen. Aber das schreckt die gegenwärtigen Nutzer nicht: „Es wird sich ein anderer Ort finden“, zeigt sich Dirk Kerstan überzeugt.


Das Gärtnern in Kästen macht selbst in der Stadt einen ökologischen Anbau möglich, der vom vorgefundenen, häufig kontaminierten, Boden unabhängig ist. Direkt in die Erde, auf der die mobilen Kisten im Kölner Neuland stehen, darf nämlich nichts gesät werden. Im Boden schlummern noch Altlasten. Das hat das Umweltamt bei Bodenproben festgestellt. Deshalb mussten die gut 9.000 m², die von der insgesamt 44.000 m² großen Industriebrache gärtnerisch genutzt werden, aus Sicherheitsgründen mit einer 10 cm dicken Schicht Auflage abgedeckt werden – in diesem Fall Tennissand.


Seit Karfreitag dieses Jahres gibt es dank des Kontaktes zu Südstadt-Pfarrer und Neuland-Sympathisant Hans Mörtter neben der roten Tonerde aber auch etliche Quadratmeter saftig grünen Rollrasens. Der stammt aus einem Kunstprojekt zu Gethsemane in der Lutherkirchengemeinde. „Die Städte gehören den Menschen. Und das Kölner Neuland hilft, sie den Menschen wieder als Lebensraum zurückzugeben. Beim Gärtnern entsteht Gemeinschaft – wie etwa beim gemeinsamen Gärtnern von Alt und Jung, das hier angeboten wird“, erläutert Mörtter seine Begeisterung fürs Kölner Neuland. Und noch etwas weckt Mörtters Sympathie für das Projekt, das sich ansonsten nicht durch große Nähe zur Kirche auszeichnet: „Hier können sinnliche Erd-Erfahrungen gemacht werden. Wir sind doch „Erdlinge“, erinnert Mörtter an die biblische Erzählung von dem aus Erde geschaffenen Adam.

 

Karin Vorländer

LAND & LEUTE |55

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