Andernach, essbare Stadt

 

Was auffällt, ist das Schild am Stadtgraben: „Hühner füttern verboten“ steht dort angeschlagen. Das Verbot gilt acht Hennen, acht braunen „Rhodeländern“, so heißt ihre Rasse, die im Graben des Schlossgartens picken und scharren. Sie sind die jüngsten Bürger der Stadt, ihr rot-weißes Häuschen leuchtet im Schatten der Stadtmauer. Von hier aus stolzieren sie über den begrünten Grund des Stadtgrabens auf der Suche nach Körnern und Würmern im städtischen Boden. Der Bürgermeister Achim Hütten ist stolz auf seine Neuen: „Mit den Hühnern erhöhen wir die Attraktivität und Lebendigkeit der essbaren Stadt“, sagt er und erklärt, dass mit den Rhodeländern noch längst nicht Schluss sein soll. Andernach hat noch Platz für weitere tierische Bewohner. Schafe, Ziegen und Schweine, warum nicht? Alles gehörte früher zu einer Stadt, die ihre Bewohner selbst versorgen konnte.

Über zwei Jahre haben die Gartenbauingenieurin Heike Boomgaarden und der Geo-Ökologe Lutz Kosack an dem Konzept des „essbaren Andernachs“ getüftelt. „Die Grundidee war, die Stadt wieder zum Lebensmittel-Punkt ihrer Bewohner zu machen und die Lebensmittelproduktion wieder zurück in die Stadt zu holen.“[i] Und schöner sollte Andernach werden. Deshalb haben sie zunächst in den Schmuddelecken der Stadt angefangen und das Konzept an der Stadtmauer, die auch heute noch die Stadt umringt, fortgesetzt.

Die alten Feldsteine der Mauer speichern die Sonnenwärme und schützen das Essbare im Grünen vor Wind und Wetter. Der Weg entlang der graubraunen Steine führt vorbei an Beeten mit Salatköpfen in Glatt und Kraus, in Grün und Rot. Dahinter reckt der Grünkohl seine Blätter über die Rabatten und in der letzten Reihe vor der Mauer stehen Apfel- und Pflaumenbäume Spalier. In den Ecken wachsen Johannisbeersträucher, Himbeerranken und Stachelbeeren. Auch Kiwis und Pfirsiche schätzen die Andernacher Stadtmauer als Nachtheizung.

Der Weg führt vorbei an Bohnenstangen, die im Kreis stehen und ihre Köpfe zusammenstecken. Wenn die Bohnen hochgerankt sind, werden sie sich zu einer Art Zeltdach zusammenschließen. Auch die Kartoffeln stehen im Halbkreis am Rand der Rabatten, Kürbisse schlängeln sich über Bruchsteinmauern. Mangold leuchtet mit seinen roten Stielen dekorativ zwischen Grünkohl. Apfel- und Birnenbäumchen haben ihre besten Jahre noch vor sich. Auch Mandeln soll es hier geben, aber wo? Die Stadtmauer ist lang. Am Ende kommt man wieder bei den Hühnern vorbei, die immer noch scharren und picken und sich ab und zu einen Wurm abjagen.

Andernach macht ernst mit dem Anspruch, eine essbare Stadt zu sein. Jeder darf hier miternten. Die Bürger und Bürgerinnen sind begeistert: Wo früher nur Efeu wuchs, da wächst jetzt etwas Essbares. Und vor allen Dingen: Sie dürfen das ernten. Nirgendwo steht ein Schild „Betreten der Rasenfläche verboten“. Hier ist Pflücken nicht nur erlaubt!

Seit 2010 überraschen die Planer ihre Bürger in jedem Jahr mit einer neuen Attraktion. Zunächst blühten und fruchteten über 110 Tomatensorten im Stadtgebiet. 2011 erstaunten 100 verschiedene Bohnensorten die Bürger. Im Jahr darauf zeigten Zwiebeln ihre Vielfalt mit mehr als 20 Sorten.

Diese paradiesischen Zustände in der Stadt am Rhein sind das Ergebnis einer geschickten Strategie eines pfiffigen Bürgermeisters, erkämpft gegen die Vorurteile der eigenen Bürger. Sie fürchteten, dass Obst und Gemüsebeete von Vandalen zerstört würden und die Tomaten als Wurfgeschosse an der Stadtmauer enden. Sie mutmaßten, dass die Sträucher zerrupft und die Kartoffeln ausgerissen würden. Und dass Hunde auf den Salat pinkeln und die Hühner jagen könnten. Die Furcht vor einem heillosen Streit um das städtische Grün ging um und die Sorge um den örtlichen Frieden.

„Alles falscher Alarm“, kann der städtische Planer Lutz Kosack nach drei Jahren feststellen. Im Gegenteil, der Bürgersinn sei neu erwacht im gemeinsamen Interesse am gemeinschaftlichen städtischen Garten. Keine Vandalen, keine Hundeexkremente, die öffentlich wachsenden Lebensmittel, so die Erfahrung von Lutz Kosack, lassen auch den Respekt davor wachsen. Nur einer, so wirft der Bürgermeister Achim Hütten ein, habe mal einen Rosmarinbusch mitgehen lassen. Aber das haben die Bürger sofort gemerkt, seine Autonummer notiert, und noch bevor er zu Hause war, wartete an seiner Haustür schon die Andernacher Polizei. Die Strafe: Gartenpflege in aller Öffentlichkeit als Wiedergutmachung. Das sei wirksame Abschreckung.

Gepflegt wird die essbare Stadt von Bürgerarbeitern – so werden die sechs Ein-Euro-Jobber genannt, die die Beete in Schuss halten und nach der Ernte wieder neu bepflanzen. Abgestimmt hat in Andernach niemand über das „Essbare“ in der Stadt. Einen Ratsbeschluss hat sich der Bürgermeister nicht geben lassen. „Wer weiß, was es für Diskussionen gegeben hätte?“, fragt er im Nachhinein. Grünkohl und Salat statt Blumen zu pflanzen sei kein zustimmungspflichtiger Verwaltungsakt, sondern liege im Ermessen eines jeden Bürgermeisters, solange die Kosten nicht steigen. Und Andernach sei das Beispiel dafür, dass es keine Mehrkosten bedeutet, wenn man von Blumen auf Salat umsteigt. Im Gegenteil: Seit die Grünflächen mit Essbarem bepflanzt werden, spart die Stadt bei der Grünpflege ein. Wo die Gemüsebeete wachsen, fällt nur noch ein Zehntel der früheren Kosten an, 500 statt 5.000 Euro. Das hört der Kämmerer gern.

Luftbilder von Andernach sagen, dass es noch viel Platz in der Stadt gibt, um Essbares anzupflanzen. Von oben konnten die Planer 30 Hektar ausmachen, häufig privater Grund. Das sei die Herausforderung der kommenden Jahre: die Bürger der Stadt und ihre Gärten mit in das Konzept einzubeziehen. Es gebe Anfragen von Andernachern, die ihre Gärten einbringen wollen, aber Lutz Kosack ist zurückhaltend. Eins nach dem anderen, nicht zu viele Flächen auf einmal. Das könne die Organisation leicht überfordern, und ein ungepflegter Garten, das sei keine Visitenkarte für das Konzept vom „essbaren Andernach“.

Die Schulen finden mittlerweile auch ihren Platz in der Schlaraffenlandschaft. Sie haben einen essbaren Garten auf Rädern gebaut. Dieser fährt von Schule zu Schule und wirbt dort für die Idee. In den Ferien steht der Garten auf Rädern vor dem Rathaus, als Denkmal einer neuen Epoche in der Stadtgeschichte. Als „Kulturdenkmal“, wie Lutz Kosack es gerne sehen würde. Für ihn ist es ein kultureller Wandel, den die Stadt durchlebt. Und er zieht weite Kreise.

Vom Zentrum hat sich die essbare Stadt bereits in ihre Randbezirke vorgeschoben. Auf einem über zehn Hektar großen Areal im Ortsteil Eich werden alte Gemüse- und Obstsorten angebaut und alte Haustierrassen, Schweine, Schafe und Gänse gehalten. Permakultur ist das Thema, Dauerhaftigkeit das Konzept. 20 bis 25 Langzeitarbeitslose hacken und mähen hier, füttern die Schweine und wachen über die Gänseherde, die sich duckend und reckend über die Wiese watscheln. Die Ziegen haben ihren Stall am Rand des Geländes, von hier oben ist ihnen der Überblick garantiert. Wer mit all dem Getier und Gewächs umgehen kann, hat die Grundlagen, um sich in einem „grünen“ Beruf zurechtzufinden, die Qualifikation für den ersten Arbeitsmarkt. Auch darum geht es hier. Die Vermittlungsquote liegt bei 25 Prozent, was viel ist für langzeitarbeitslose Jugendliche in der Region.

Was in Andernach Eich wächst, wird in der Stadt zum Teil in Mahlzeiten verwandelt. Täglich werden hier 100 Essen für Langzeitarbeitslose gekocht und ausgegeben. Oder aber es landet im „FairRegio-Laden“ mitten in der Fußgängerzone. Obst und Gemüse frisch vom städtischen Bauernhof liegen dort neben fair gehandeltem Kaffee, Tee und Südfrüchten. Auch die Eier der acht Rhodeländer Hennen finden dort ihre Abnehmer.

Die Geschichte des essbaren Andernach ist damit noch nicht zu Ende erzählt. Es soll weitergehen, vielleicht mit Indoor Gardening in öffentlichen Gebäuden. Der Planer Lutz Kosack lächelt verschmitzt und verrät seinen Wahlspruch: „Was immer du tun kannst oder träumst, es zu können, fang damit an! Mut hat Genie, Kraft und Zauber in sich.“ Das Zitat frei nach Goethe spricht auch dem zweiten Macher in Andernach, dem Bürgermeister Achim Hütten, aus der Seele. Wenn er erklären soll, wie sie es in Andernach geschafft haben, dann sagt er lapidar: Wir haben es einfach gemacht!

 

[i] SWR-Odysso: Andernach. Die essbare Stadt. SWR, 21.03.2013.

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