Aktionäre auf eigener Scholle

 

Ein anderes Modell, in dem die Kundschaft in Vorkasse für ihre Selbstversorgung tritt, finden wir im Süden Deutschlands, um Freiburg in Breisgau. Eichstetten am Kaiserstuhl ist Sitz der Regionalwert AG. Sie verteilt mehr als Aktien und Rendite. Den Mitgliedern geht es um das Wohl einer ganzen Region.

Zur Aktionärsversammlung drängt sich eine lockere Gesellschaft auf den Bänken. Vom Apotheker über den Uhrmacher bis zum Hausarzt, sie alle besitzen die Aktien ihres Zukunftsunternehmens, der Regionalwert AG, eine Bürgeraktiengesellschaft. Ihr Gründer, der Gärtnermeister Christian Hiß, bewirtschaftete einst einen kleinen Gärtnereibetrieb, 20 Kilometer vor Freiburg an den Hängen des Kaiserstuhls. Heute kaufen er und seine Aktiengesellschaft der Region kleine Höfe in Orten, in denen der Nachfolger fehlt, und gibt sie weiter an Biobauern, die ihr Handwerk verstehen und ohne den industriellen Input der konventionellen Landwirtschaft wirtschaften können.

Mittlerweile ist Christian Hiß als „Übermorgenmacher“ ausgezeichnet worden. Von der Bundeskanzlerin bis zum Landesvater wurde er bereits geehrt. Sein Konzept, „das eine wirtschaftlich erfolgreiche und sozial-ökologisch vertretbare Wertschöpfungskette vom Acker bis auf den Teller zum Ziel hat“, erhielt höchste Weihen.

485 Aktionäre stehen 2013 hinter dem Unternehmen, angefangen hatte Christian Hiß mit 40 Enthusiasten. Kartoffeln, Schweinefleisch und Eier aus dem Kaiserstuhl gehören heute noch zu den Raritäten in den Geschäften der Region. Doch das soll sich ändern. Die Regionalwert AG versteht sich als Rückgrat einer neuen Art von regionaler Selbstversorgung.

Ihre zwei Millionen Euro Aktien-Kapital investiert die AG in Milchvieh, Gartenbau, Wein, Lebensmittelhandel, in ein Cateringunternehmen und eine Gastwirtschaft, insgesamt 17 Betriebe. Das findet Anerkennung, mit der Dividende sieht es dagegen eher schmal aus. Das sei auch nicht die Hauptsache, erklärt Angelika Meister. Für sie als Aktionärin sind andere Dinge wichtiger. Mehr Lebensqualität durch bessere Lebensmittel, die frisch und aus der Region kommen, die Natur erhalten und die Landschaft auch. Das, so betont sie, sei ihr Profit.[ii]

Was den Aktionär Hiß und seine Mitstreiter bei Laune hält, ist nicht nur das Konzept des „Small is beautiful“, es ist auch die Hoffnung, den Grundstein für eine neue regionale Wirtschaft gelegt zu haben. Freiwillig und rechtzeitig, bevor die Explosion von Rohöl- und Nahrungsmittelpreisen dazu zwingt, die Idee des Weltmarkts endgültig abzuschreiben.

Im Juli 2011 gründeten die Aktionäre ihre eigene Forschungsgesellschaft, „Die Agronauten“. Sie sollen eine Lücke füllen, die seit Jahren in der deutschen Forschungslandschaft klafft, und neue und innovative Wege für eine regionale und nachhaltige Landwirtschaft erforschen.

Der Wert des Regionalen strahlt aus in andere Regionen. So nach Isar-Inn, wo 75 Aktionäre ebenfalls eine Bürgeraktiengesellschaft gründeten. Investiert wird hier nicht nur in Bauernhöfe, sondern auch in eine Biogärtnerei und in ein Biohotel.[iii] Und damit ist die Strahlkraft der Regionalwert AG noch längst nicht erloschen. Deutschlandweit melden sich immer neue Aktionäre, die dem Vorbild folgen. Ihre Kraft wird gebündelt in einer Regionalwert Treuhand, die als Dachgesellschaft seit 2011 besteht. Sie soll das, was schon an Gründer-Erfahrungskapital gesammelt wurde, an die Neuaktionäre weitergeben.

 

[i] http://www.regionalwert-ag.de.

[ii] Andreas Nefzger: Retter der Höfe. Süddeutsche Zeitung, Nr. 293, 18./19.12.2010, S. 26.

[iii] http://regionalwert-ag-isar-inn.de/.

 

 

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